Brücke zum Frieden

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Friedenswoche in Beit Jala vom 06. bis 10.07.2009

In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zu dem Berg des HERRN und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!

(Micha 4,1-5)

Wussten Sie, dass der 09. Juli für ein besonderes Datum steht? Ich habe es während der Friedenswoche erstmals richtig wahrgenommen, als die „Kinder Abrahams“ unter Leitung von Pfarrer Jadallah Shihadeh nach Beit Jala (bei Bethlehem, im besetzten palästinensischen Gebiet der Westbank) in die Abrahams Herberge eingeladen haben.

Die „Abrahams Kinder“ haben sich nach dem 30.10.2008 konstituiert, nachdem der 1. Friedensmarsch in Palästina zur Mauer bei Bethlehem stattgefunden hatte – mit Gebeten, Gesang und Kerzen eine mehr als friedliche Demonstration von einigen Hundert Muslimen, Juden und Christen. Daraus wuchs die Idee, die Friedensarbeit in Palästina zu intensivieren und mit möglichst breiter Beteiligung, auch aus dem Ausland, voran zu treiben.

Zu den „Abrahams Kindern“ gehören Vertreterinnen und Vertreter aus christlichen Kirchen, der Muslime und von palästinensischen Kommunen; auch Angehörige der Fatah-Partei sind hinzugestoßen sowie Juden. Arbeitsmittelpunkt ist die Abrahams Herberge. Man arbeitet auf der Grundlage von Micha 4,1-5.

Zum Hintergrund:

1947 haben die UN 57% des damaligen Palästina zum Staatsgebiet eines neuen Staates „Israel“ erklärt; 43% verblieben den dort lebenden Palästinensern, die seinerzeit jedoch keine eigene Staatsform besaßen (und bis heute noch nicht haben!) Das anfangs mehr oder weniger friedliche Miteinander (es gab neben Freundschaften auch furchtbare Massaker), entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einer derart angespannten Situation, dass es 1967 zu dem 6-Tage-Krieg kam, infolge dessen den Palästinensern weitere Landstriche abgetrennt wurden, so dass von dem ursprünglichen Gebiet nur noch etwa 22% übrig blieben. Durch die einsetzende aggressive Siedlungspolitik der Israelis wird immer mehr palästinensisches Land annektiert. Man berichtete uns, dass manche Dörfer nur noch 20% ihres ehemaligen Landes besitzen. Existenzgrundlagen für unzählige Familien wurden zerstört. Palästinenser werden daran gehindert, ihr eigenes Land zu bebauen. Und die Siedlungspolitik geht weiter!

Die israelischen Siedlungen sind untereinander durch ein Straßennetz verbunden. Sog. Bypass-Straßen: diese, für Palästinenser nicht zugänglichen Straßen verlaufen oft parallel zu den palästinensischen; es gibt erst in jüngster Zeit hier und da Querverbindungen, die jedoch zu jeder Zeit von israelischer Seite durch mobile Checkpoints geschlossen werden können.

friedenswoche_09_mann_mit_blumeEin sehr großes Problem stellt die Mauer dar, die – noch unvollendet – jetzt schon das 3- bis 4fache der Berliner Mauer umfasst und im Schnitt mindestens doppelt so hoch ist (8 bis 9 m). Der israelische Masterplan sieht vor, ganz Palästina in getrennte Parzellen einzumauern und zu einem großen Gefängnis zu machen. Die B- und C-Zonen (s.u.) innerhalb Palästinas sorgen dafür, dass ein möglicher Palästinenserstaat nicht lebensfähig sein wird. Die Mauer wurde fast ausschließlich auf palästinensischem Gebiet gebaut; Tausende ha wurden annektiert, mehrere tausend palästinensische Häuser wurden zerstört und unzählige Olivenbäume, die Existenzgrundlage vieler palästinensischer Großfamilien, abgehackt und entwurzelt. Ganz zu schweigen von inhaftierten und getöteten Menschen.

Während unseres Aufenthaltes erreichte uns die Nachricht, dass bewaffnete Siedler in palästinensisches Gebiet eingedrungen sind und 200 Olivenbäume vernichteten, während israelisches Militär und Polizei tatenlos zusahen (Quelle: deutscher Politikwissenschaftler, der z.Zt. dort lebt).

Ein weiterer Bericht: In Jerusalem wurde in den jüdischen Vierteln ein Abwassersystem gebaut, während die palästinensischen Viertel bewusst übergangen wurden.

Ursprung der jüdischen Siedlungen waren fast immer militärische Außenposten, die nach Verlassen des Militärs von (teils militanten) Siedlern ausgebaut wurden: strategisch gute Standorte, meist auf den Höhen, die sich für den Betrachter jedoch als eine bedrohende Situation darstellen: wie die Arme von überdimensionalen Kraken fressen sie sich in palästinensisches Gebiet hinein. Heute gibt es in der Westbank 199 israelische Siedlungen mit rund 580.000 Bewohnern/innen.

Der Vertrag zwischen Israel und Palästina in Oslo 1995 hat die Westbank (also die verbliebenen 22%) in 3 Zonen aufgeteilt:

In der A-Zone leben die meisten Palästinenser, in der C-Zone die wenigsten (Quelle: Applied Research Institute Jerusalem – ARIJ; www.arij.com).

Nach unseren Informationen werden nicht selten Israelis, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, verhaftet. Denn Israelis ist es unter Strafe verboten, die A-Zonen der Westbank zu betreten – dennoch trafen wir viele, die sich über diese Bestimmungen hinwegsetzten.

Programmablauf der Friedenswoche:

Montag, 06.07.09:

Eintreffen der Teilnehmer/innen und Besprechung des Programms. Power-Point-Präsentation über die Situation des Bethlehem-Distrikts von ARIJ

Dienstag, 07.07.09:

Geplant war ein Besuch des Dorfes Hussan in der Nähe von Beit Jala. Vor dem Ort ist eine jüdische Siedlung entstanden, die einen großen Teil des Landes von Hussan annektiert hatte. Als Symbol einer friedlichen Koexistenz von Israel und Palästina sollten von uns auf dem annektierten Land 3 Olivenbäume gepflanzt werden. Dies wurde durch ein relativ starkes Aufgebot von Polizei und Militär verhindert: wir, ca. 120 Personen, durften das vorgesehene Gelände nicht betreten. So pflanzten wir die Bäume kurzerhand in nicht annektierten Boden, unter Gesang von „We shall overcome“.

Auf dem Rückweg wollten wir ein weiteres Dorf, Beit Ommar, besuchen, wurden aber durch die israelische Polizei mittels Straßensperrung daran gehindert (B- Zone). Also fuhren wir nach Beit Jala (A-Zone) zurück (zu den A-Zonen haben die Israelis keinen Zutritt und keine Befugnis). Und wir erfuhren, dass Beit Jala für uns derart abgeriegelt wurde, dass wir uns nur in der A-Zone bewegen konnten.

Übrigens: in der Westbank gibt es derzeit 668 Checkpoints und Barrieren; täglich können mobile Barrieren hinzu kommen.

Der Besuch des Dorfes Artas war möglich (A-Zone). Ein sehr freundlicher Empfang durch den Bürgermeister wurde von zwei palästinensischen Fernsehteams begleitet, die mich um ein Interview baten. Am Mahnmal für die Opfer von Gewalt legten wir Kränze nieder, und ein fröhlicher (!) Tanz auf der Dorfstraße beendete diesen Besuch.

Zum Mittagessen besuchten wir „Abrahams Zelt“: in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Bethlehem werden täglich 200 bis 300 Kinder mit einer warmen Mahlzeit versorgt – ein Projekt der evangelischen Gemeinde von Beit Jala, das auch vom Förderverein Abrahams-Herberge unterstützt wird.

Anschließend gab es in einem von den UN unterstützen Informationszentrum ein Treffen mit dem Bürgermeister von Beit Ommar, dem Ort, dessen Besuch uns am Vormittag durch die Polizei verwehrt wurde.

Hier ein Auszug aus seiner Rede: „Wir danken Euch, dass Ihr gekommen seid als christliche Geschwister, um uns zu besuchen und unsere Sache zu unterstützen. Uns Christen und Muslime im Heiligen Land kann niemand trennen, denn wir sind in erster Linie alle Palästinenser… Ich war 6 Jahre im Gefängnis, und Elias Charcour (der melkitische Bischof in Israel) hat sich um meine Kinder gekümmert. Wir wollen gemeinsam den Weg der Versöhnung und des Friedens gehen. Wir Palästinenser wollen nicht die Israelis und Israel eliminieren, aber deren Gewalt. Auch Israel hat ein Existenzrecht.“

Alle Reden, die wir seitens der Palästinenser hörten, gingen in diese Richtung; insbesondere der Großmufti (s.u.) wurde sehr deutlich.

friedenswoche_09_kind_bekommt_blumenEinen ersten Höhepunkt bedeutete die kleine Demonstration im Wadi Ahmad. Dort ist die Mauer noch nicht gebaut; die Trennanlage besteht aus Stacheldraht, massiven Barrieren und stark gesicherten Gittertoren. Etwa 150 Personen allen Alters von Palästinensern und uns Ausländern versammelten sich diesseits des Stacheldrahtes. Jede/r Christ/in trug 3 Kerzen als Symbol für das Licht der Welt, während jede/r Muslim/in 3 Brotfladen als Symbol für das Leben erhielten.

Wir erwarteten in diesem Wadi friedensbewegte Israelis, die den steilen, unwegsamen Abhang ins Wadi klettern mussten und jeweils drei rote Rosen in den Händen halten sollten als Symbol für den guten Geruch der Thora und der Propheten. Als erste kamen bewaffnete israelische Soldaten den Hang herunter…

Dann aber kamen sie, etwa 50 bis 60 Personen. Wir reichten durch das Gittertor einander die Hände und tauschten unter Gesang von z.B. „Hevenu shalom aleichem“ Brot, Kerzen und Blumen aus – eine sehr bewegende, auch emotional geprägte Situation.

friedenswoche_09_austausch_brot_und_rosenPlötzlich tauchten auf unserer Seite jüdische Demonstranten auf, unter ihnen Uri Avneri (ein bekannter Friedensaktionist; er erhielt vor einigen Jahren in Köln den Lew-Kopelew-Preis), auch eine Trommelgruppe, eigens aus Tel Aviv mit dem Bus angereist – auf welchem Weg auch immer. Die Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie „Die Apartheid-Mauer muss weg“ – „Böse Mauern schaffen böse Nachbarn“ – „Baut Brücken, keine Barrieren“.

Es war eine unglaublich bewegende Begegnung für alle Beteiligten. Übrigens hat das ZDF gefilmt.

O-Ton einer Teilnehmerin aus Ostdeutschland: „Das kommt mir vor wie ein déja vu: die Machthaber mit ihren MGs sind total verunsichert und wissen nicht, was sie tun sollen, wenn wir mit Kerzen und Blumen kommen.“ Und in der Tat: die Soldaten verzogen sich, ohne in irgendeiner Weise eingegriffen zu haben.

Den Tagesabschluss bildete ein Fußballspiel zwischen Mannschaften von Beit Jala und Jena, angeführt von den Bürgermeistern dieser Städte.

Mittwoch, 08.07.09

Der Arbeitstag begann mit dem Besuch der Geburtskirche in Bethlehem mit der Besonderheit, dass uns ein palästinensischer Polizeioffizier führte und Erklärungen abgab. Für die meisten von uns gab es eine Neuigkeit: in der Geburtsgrotte liegt gegenüber der nach christlicher Tradition geglaubten Geburtsstelle ein Stein, welcher nach muslimischer Tradition Jesu Geburt lokalisiert; denn Jesus ist für die Muslime ein bedeutender Prophet.

friedenswoche_09_israeli_und_palaestinenser_im_gespraechDanach empfing uns der Bürgermeister von Bethlehem, der wie alle seine palästinensischen Kollegen zu den Kindern Abrahams gehört und unser Kommen zur Friedenswoche sehr begrüßte. Er überreichte mir eine Plakette von Bethlehem, die ich Herrn Schramma überreichen möge, da Bethlehem und Köln eine langjährige Städtepartnerschaft pflegen.

Im benachbarten Peace Center gab es noch einmal die Power-Point-Präsentation von ARIJ zu sehen. Das Bethlehem-Peace-Center bemüht sich um Aufklärung über den jeweiligen Stand der politischen Situation im Bethlehemdistrikt und versucht, über Projekte die Friedensarbeit im Lande zu unterstützen. Dem Vernehmen nach soll die finanzielle Unterstützung, die seit Jahren von Schweden geleistet wird, eingestellt bzw. radikal gekürzt werden, so dass die Zukunft des Peace Centers ungewiss ist.

Einen weiteren Empfang bescherte uns der Bürgermeister von Al Ubiedyeh, einem kleinen Ort am Rande der judäischen Wüste. Hier befinden sich zwei der ältesten Klöster im Heiligen Land; Touristen finden jedoch nur selten hierher. Vom Ortsrand aus hat man einen sehr schönen Blick auf die gebirgige Wüste; im Hintergrund kann man das Tote Meer ausmachen und die jordanischen Berge (Richtung Berg Nebo).

Sehr eindrucksvoll war der Besuch des Flüchtlingslagers Aida, das bereits 1948 gegründet wurde und bis heute unter der Obhut der UN steht. Es liegt direkt an der Mauer, die von Flüchtlingen bemalt und beschriftet worden war: Namen der Herkunftsorte und Worte der Hoffnung auf Rückkehr sowie eine überdimensionale Ausgabe des Flüchtlingsausweises. Den Eingang zum Flüchtlingslager bildet ein Tor mit einem riesigen Schlüssel, „dem größten Schlüssel der Welt“.

Dieser Schlüssel steht für die Tatsache, dass die Flüchtlinge damals beim Verlassen ihrer Häuser den Schlüssel mitnahmen, in der Hoffnung, wieder zurückkehren zu können. Jeder Schlüssel wird an die neue Generation weiter gegeben. Ursprünglich wohnten in Aida 500 Menschen, heute sind es bereits 5.000. Sie können, wenn sie eine Existenzgrundlage haben, das Lager verlassen, allerdings nur in die A-Zone. Das geschieht jedoch sehr selten, weil ihr Einkommen durch Lohnarbeit nicht ausreicht, um Land zu kaufen und ein Haus zu bauen (Mietwohnungen sind unüblich – wenn es sie überhaupt gibt). Und in der A-Zone gibt es kaum erwerbbares Land. Wer im Lager bleibt, bleibt Flüchtling – auch in jeder weiteren Generation.

Papst Benedikt XVI. hat Aida besucht. Direkt an der Mauer hatte man begonnen, ein Empfangspodest zu bauen. Reaktion der Israelis: wenn der Bau nicht gestoppt wird, verweigern wir dem Papst die Einreise! Also wurde das Podest an anderer Stelle errichtet. Obwohl Bethlehem zur A-Zone gehört!

Die Palästinenser berichteten von Schwierigkeiten mit ausländischen Medien bzw. deren Berichterstattung: sie sei pro Israel. Deshalb ist für sie der Besuch von Ausländern außerordentlich wichtig. Darum bedeuteten unsere Besuche bei den verschiedensten Gemeinden und deren Amtsträger eine für sie unschätzbare Wertigkeit: sie werden in ihrer Situation wahrgenommen; sie werden ernst genommen; ihre Lage wird verstanden; sie werden im Ausland nicht vergessen, und so hoffen sie, dass wir Besucher/innen „Botschafter/innen“ in unserem jeweiligen Umfeld werden.

Am frühen Abend wurde zu einem gemeinsamen Gebetsgottesdienst mit kleiner Liturgie in die Reformationskirche Beit Jala eingeladen. Ein koptischer Priester übernahm die Evangeliumslesung, der Immam von Beit Jala sprach ein Gebet; eine Rabbinerin hielt die Predigt über Micha 4,1-5; ich bat darum – auch in Erinnerung an den ersten Friedensmarsch im Oktober 2008, das Gebet „Verleih uns Frieden gnädiglich“ zu singen; ein Pfarrer aus dem Vorstand des Fördervereins sprach ein weiteres Gebet, ebenso der griechisch-orthodoxe Priester; der OB von Jena leitete in das Vaterunser ein, und ich wurde gebeten, den Segen zu sprechen. Gemeinsame Lieder und Chorgesang des Chores der ev. Gemeinde rundeten den kleinen Gottesdienst ab.

Zum Abend hatte der Großmufti Dr. Taisir el Tamimi in die Universität Hebron eingeladen. Der Großmufti ist als höchster muslimischer Geistlicher für die gesamte Westbank zuständig. Er hat eine hervorragende Ausbildung, besonders in Theologie und Philosophie an der Universität Kairo gehabt und ist nun als oberster Repräsentant zuständig u.a. für Lehramtsfragen und Schlichtung von theologischen Streitigkeiten (der 2.Großmufti in Gaza besitzt diese Befugnis nicht).

Der Großmufti hat sich in der Vergangenheit öfter in aller Öffentlichkeit gegen die Diskriminierung von Christen engagiert. Man kann wohl sagen: es besteht ein gutes, (fast) freundschaftliches Miteinander, zumindest der Religionsrepräsentanten in der Westbank, in weiten Teilen auch an der Basis.

In seiner Rede zeigte der Großmufti die eklatanten Rechtsbrüche durch Israel auf, ohne jedes Anzeichen einer Hasspredigt. Er teilt aus ganzem Herzen die Hoffnung auf Frieden, da gerade das Heilige Land der Ursprungsort der Friedensbotschaft für alle Welt ist; das spielt für alle drei monotheistischen Religionen eine zentrale Rolle. Der Großmufti betonte das geschwisterliche Miteinander von Muslimen und Christen und hieß alle friedensbereite Juden herzlich willkommen. Er wünsche sich eine umfassende Friedensarbeit ohne jegliche Gewalt. Ausdrücklich verurteilte er die Gewalt, die durch Muslime ausgeübt wird; sie sei keineswegs koran-konform! Ein wichtiger Satz aus dem Mund der obersten Lehramtsbehörde.

Donnerstag, 09.07.09

Der 09.07.09 ist der 5.Jahrestag, an dem der Internationale Gerichtshof in Den Haag den aktuellen Mauerverlauf innerhalb der besetzten Gebiete Palästinas als illegal scharf verurteilt hatte. Deshalb wurden für diesen Tag die die Friedensdemonstration und –kundgebung angesetzt.

friedenswoche_09_trommelnZuvor empfing der Bürgermeister von Beit Jala unsere Gruppe. Anwesend war auch der Bürgermeister von Aubervillier (nahe Paris), der Partnerstadt von Beit Jala und Jena. Deshalb ist der OB von Jena, Pfr.Dr.Albrecht Schroeter, Mitglied unserer Gruppe, daran interessiert, auch mit Beit Jala eine Städtepartnerschaft zu begründen. Ein erster Schritt mit Unterzeichnung eines trilateralen Kooperationsvertrages in arabischer Sprache wurde an diesem Morgen vollzogen. Das bedeutet für die Bergisch Gladbacher Bewegung „Bürger für Beit Jala“ eine herbe Enttäuschung, da sie seit 5 Jahren versucht, eine Städtepartnerschaft zwischen Bergisch Gladbach und Beit Jala zu erreichen; aber die politischen Verhältnisse in der bergischen Stadt verursachten einen Stillstand der Bemühungen. Der Vorteil von Jena liegt darin, dass „von oben“ der Wille zur Partnerschaft kommt, während die Bergisch Gladbacher „von unten“ agieren.

Auch bei diesem letzten offiziellen Treffen beherrschte die Hoffnung auf Frieden die Redebeiträge, wobei stets darauf verwiesen wurde, dass beide, Palästina und Israel, ein Existenzrecht haben müssen!

Bei einem Bummel durch die Altstadt trafen wir auf einen alten Mann, der erzählte, dass seine Familie bis vor 10 Jahren in der Nähe von Jericho Bananen anbauen konnte, weil es in der Nähe zwei ergiebige Wasserquellen gab. Doch durch den Bau einer israelischen Siedlung wurde der Plantage das Wasser abgegraben, so dass dieser Erwerbszweig unmöglich wurde.

Am Nachmittag startete der Höhepunkt der Friedenswoche. Rund 1.200 Menschen zogen durch Beit Jala, an ihrer Spitze der ev.- luth.Bischof Arm in Arm mit dem Großmufti, die Bürgermeister von Beit Jala, Jena und Aubervillier, sowie eine Reihe von evang. Pfarrern, Muftis, einem Rabbiner, einem Vertreter der Orthodoxie usw., begleitet von verschiedenen Musikgruppen und auffallend vielen jungen Menschen; ein Großteil von ihnen trug T-Shirts mit dem Symbol der Friedenswoche auf der Vorderseite und dem großen Schlüssel auf der Rückseite. Die Kundgebung fand im Stadion der orthodoxen Kirche statt.

Die Reden hielten: der ev.-luth. Bischof; der Großmufti; der Sicherheitschef für den Bethlehemdistrikt; der OB von Jena; ein früherer israelischer Soldat; ein Kirchenvorsteher von Beit Jala; ein Vertreter der Gefangenengemeinschaft; der Vorsitzende des Fördervereins von Abrahams Herberge und ein orthodoxer Priester der Stadt.

Zwischendurch gab es diverse musikalische Einlagen und Darbietungen von Volkstanzgruppen.

Tenor aller Ansprachen war im wesentlichen: die Forderung nach Umsetzung der Resolution 194 des Internationalen Gerichtshofes Den Haag vom 09.07.2004:

Frieden für Palästina bedeutet:

„Wir Palästinenser sind ein Volk des Friedens und nicht des Terrorismus!“

Ein symbolischer Akt erregte die Aufmerksamkeit: auf der Bühne war aus Stryopur eine symbolische Mauer errichtet worden. Während der engagierten Reden wurden die Forderungen der Resolution 194 aufgesprüht – und dann wurde, allen voran von Großmufti und Bischof, diese Mauer unter Jubel und Beifall eingerissen.

Nach 2 ½ Stunden ging die friedliche Kundgebung zu Ende; auch auf dem Marsch durch Beit Jala gab es keine Zwischenfälle. Das war für viele Palästinenser eine ganz neue Erfahrung, und das war ein Zeichen dafür, dass mit friedlichen Mitteln Menschen bewegt werden können.

Es bleibt die Hoffnung, dass eines Tages das Ziel „Frieden für Palästina und Israel“ erreicht wird. Die Vorgänge in Deutschland mit dem Fall der Mauer ohne Blutvergießen werden als Vorbild und Hoffnungsträger gesehen.

In einer Abschlussrunde wurden Eindrücke und Meinungen ausgetauscht. Übereinstimmend waren die Teilnehmenden sehr beeindruckt und glücklich, dass es keine unangenehmen Zwischenfälle gab. Jadallah Shihade wurde Dank und Anerkennung ausgesprochen mit der Bitte, in den Friedensbemühungen nicht nachzulassen. Er kann auf seine Freunde aus Deutschland, Österreich, Norwegen und den USA zählen.

Ich bin dankbar, dass ich an dieser Friedenswoche teilnehmen konnte!

Freitag, 10.07.09

Abreise der meisten Teilnehmer/innen

Anmerkung: Die zahlenmäßigen Informationen stammen von Applied Research Institute Jerusalem (ARIJ). Die inhaltlichen Angaben z.T. auch von ARIJ, vor allem aber aus den Redebeiträgen, die überwiegend in arabisch gehalten und dann ins Deutsche übersetzt wurden. Die in englischer Sprache gehaltenen Reden brauchten nicht übersetzt zu werden.

Köln, den 11.07.2009

Karl Schick

(Superintendent i.R.)

Ergänzende Hinweise:

Eingestellt am 18 Juli, 2009 um 19:57 Uhr | Kategorie: Friedenswoche | Permalink